Christophe Charles - undirected 1986-1996
Martin Conrads
Ein Ausschnitt aus 'undirected 1986-1996', der neuen CD des Musikers Christophe Charles, soeben auf Mille Plateaux erschienen.
Das -technisch wie ästhetisch- Besondere an undirected ist, daß die CD sowohl als Audio CD im CD-Player, als auch als ROM auf einem Macintosh gelesen werden kann. Als Audio-CD besteht "undirected" aus einem 60-minütigen Track, der Tonaufnahmen Charles' aus den letzten 10 Jahren zusammenführt und neu kombiniert.
Zusätzlich beinhaltet Der CD-ROM-Part für den Zuhörer die Möglichkeit, mittels der mitgelieferten MAX 3.0 Software einen Kommentar zur Produktionsebene der Audio CD zu formulieren. Mit dem Max-Patch können auf der Bildschirmoberfläche die auf dem Audio-Part vorhandenen Samples neu konfiguriert, zu Sequenzen zusammengestellt, und editiert werden. Was Charles durch die Verwendung dieses technischen Doppelcharakters anstrebt, ist das neu einzulösende Verhältnis von Bild und Klang, von Auge und Ohr:
#1.: Was ich beabsichtige ist eine Beziehung in der Zeit, zwischen den verschiedenen visuellen und auditiven Variationen. Dies soll soviel bedeuten, wie das Herstellen einer gleichzeitigen physischen Stimulation des Ohrs und des Auges, um eine 'synästhetische' oder 'synaptische' Erfahrung zu bewirken. Diese Art Erfahrung erinnert an die Arbeiten von Fischinger und Whitney. Der Unterschied zwischen Film und interaktiver Computertechnologie besteht aber darin, daß wir die Parameter von Klang und Bild in Echtzeit verändern können. Wir können hierbei Kombinationen erfahren, die noch nie realisiert wurden, oder sehr selten entstehen. Auf diese Weise verstärkt die Interaktivität den physischen Aspekt der Erfahrung und bringt den Zuhörer oder Spieler dazu, achtsam und verantwortlich zu sein. Computertechnologie, die mit den anderen Sinnen -Berühren, Riechen, Schmecken- arbeitet, ist noch nicht weit verbreitet. Und daher gibt es auch keine Riech-Lampen oder Berühr-Lautsprecher. Das Primat des Audio-Visuellen ist etwas, das ganz defintiv öfter in Frage gestellt werden sollte, um Raum für eine viel globalere Sensibilität zu lassen.
Klangbeispiel: einzelne samples von 'undirected 1986-1996'
Einige Samples des CD-ROM- Parts, die Charles dem Zuhörer und 'User' zur weiteren Verwendung freistellt. Alle benutzbaren Samples sind auch auf dem Audio-Part zu hören, der nur eine mögliche Form darstellt, diese Klänge zu gruppieren und in Musik aufzulösen.
Die Klänge auf 'undirected' sind einerseits längere Passagen, digital bearbeitete Dokumente etwa von Performances. Andererseits verwendet Charles winzige Samples von Klängen, die er an so verschiedenen Orten wie den Straßen Kalkuttas, dem Flughafen von Seoul, oder dem Hamburger Fischmarkt aufgenommen hat. Charles bastelt an einer Kartographie von Klang, die er im Medium der CD als Multiple realisiert.
Gleichzeitig entsteht dabei auch ein spezielles Aufschreibesystem für 'Zeit', einer Dimension, die für Charles' kompositorisches Verständnis extrem wichtig ist:
#2.:Der gesamte Prozeß des Hörens ist hier in Frage gestellt: Der Zuhörer hat nun die Verantwortung, seine eigene Musik zu produzieren, was nichts anderes bedeutet, als daß er seine eigene Version von Langeweile produziert. Auf diese Weise muß er seine Fähigkeit zum Zuhören weiterentwickeln, und zwar im Hinblick auf 'Direktes Hören' bzw. 'Echtzeithören' , also jener Fähigkeit, allen Schichten eines Soundscapes zur gleichen Zeit Aufmerksamkeit zu widmen.. Unter 'Erinnerndem Hören' hingegen verstehe ich die Fähigkeit, das zu erinnern und zu analysieren, was sich schon ereignet hat, um neue Kombinationen zu kreieren und Langeweile zu vermeiden.
| Interpret: | Christophe Charles |
| Titel: | Deposition Yokohama |
| Tonträger: | Deposition Yokohama |
| Erscheinungsjahr: | 1994 |
| Label: | Yokohama Musuem |
Für den Audio-Part von 'undirected' ordnete Charles die Samples gemäß der alphabetischen Nähe der Bezeichnung an, die er ihnen selber gab. Ein recht willkürliches Verfahren, das er als 'ready-made' definiert. Die Verwandtschaft zu Aufnahmen von -etwa- John Cage liegt auf der Hand, dessen 'An Alphabet' oder 'Roaratorio' hier ins Gedächtnis kommen : Für Roaratorio hatte Cage Tonbandaufnahmen an den Handlungsorten von James Joyce's 'Finnegans Wake' gemacht, die er später am Pariser IRCAM-Studio mit Rezitationen aus besagten Buch zusammenmischte. Die Reihenfolge der Tonfragmente ermittelte Cage dabei nach dem chinesischen Orakel des I Ging.
| Interpret: | John Cage |
| Titel: | Roaratorio. |
| Tonträger: | Roaratorio. |
| Erscheinungsjahr: | 1994 |
| Label: | Wergo |
'Musik ist ununterbrochen, nur das Hören tritt periodisch auf',diesen Satz Thoreaus bringt Christophe Charles ins Gedächtnis, wenn er die letzten Minuten des Audio-Parts in Stille verstreichen läßt. Die stumme Sequenz will dabei die Stille als Geräusch der Umwelt bewußt machen und gleichzeitig manifestieren, wie geräuschvoll ein CD-Spieler arbeitet. "undirected" ist Kopf/Hörer/Musik und arbeitet mit einer ebenso intensiven wie sensiblen Ästhetik auf dem Weg zwischen Narrativität und Abstraktion. 'Klang kommt vor dem Sehen', sagt Charles. In diesen Sinn zeichnen die Soundscapes auf "ndirected"ein Bild vor, das die Geschichte der einzelnen Klänge als eine subjektive Illusion von "Gedächtnis" erscheinen läßt.
| Interpret: | Christophe Charles |
| Titel: | undirected 1986-1996 |
| Tonträger: | undirected 1986-1996 |
| Erscheinungsjahr: | 1997 |
| Label: | Mille Plateaux |
e-mail an Martin Conrads
- 2.februar 1997 -
last update: 10/22/2008 16:43:11
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